Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich. Wilhelm Goldmann Verlag (Penguin Random House), München 2025
Ein persönlicher Einblick, wie Rechtsextremismus Familien zerstört
Wieder möchte ich euch ein Buch ans Herz legen, welches ich auf der Frankfurter Buchmesse entdeckt habe: Meine Familie, die AfD und ich. Wie Rechtsextremismus uns entzweit – und wie wir dagegenhalten von Leonie Plaar.
Es ist die berührende Erzählung einer Frau, die mit ihrer Familie brach, weil diese sich zunehmend dem Rechtsextremismus und der Alternative für Deutschland (AfD) zuwandte – und dabei sogar die Rechte und das Wohlbefinden des eigenen Kindes hintanstellte.
Als das Buch bei mir eintraf, wurde mir bewusst, dass ich der Autorin schon seit einiger Zeit auf Instagram folgte. Mit ihren aufklärenden, klugen und präzise formulierten Beiträgen hat sie sich dort eine große Reichweite aufgebaut. Trotz des schmerzhaften Bruchs mit ihrer Familie setzt sie sich weiterhin für ein positives, offenes und solidarisches Miteinander in unserer Gesellschaft ein.
„Die AfD hat also gar kein Interesse daran, die Probleme der Menschen zu lösen, denn zufriedene Menschen wählen keine Nazis.“ (Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich. Seite 28)
Die Autorin
Leonie Plaar (geboren 1992) studierte Englisch, Geschichte und American Studies, ergänzt durch ein Zertifikat in Geschlechterforschung. Unter dem Namen @frauloewenherz.de ist sie online präsent und widmet sich historischen Themen, Queerness und Feminismus. Darüber hinaus arbeitet sie als freie Journalistin und berät Redaktionen, Unternehmen sowie Museen.

Inhalt
„Leonie ist queer, politische Aktivistin, Historikerin – und Tochter eines AfD-Mitglieds. Bis sie den Kontakt zu den meisten ihrer Verwandten abbrach, hatte sie einen Platz in der ersten Reihe bei Gesprächen zwischen AfDler*Wähler*innen, die dachten, sie wären unter sich. In den Diskussionen rund um das Erstarken der Neuen Rechten vergessen wir manchmal, dass die politischen Gräben sich auch durch Familien ziehen. Am Küchentischen, beim Grillabend oder unterm Weihnachtsbaum finden die wirklich entscheidendenn Gespräche statt, denn hier werden werte, parolen und Verschwörungstheorien vor dem Hintergrund familiärer Beziehungen verhandelt. Leonie macht die Radikalisierung deb AfD und ihrer Mitglieder in den letzten Jahren entlang ihrer persönlichen Familiengeschichte nachvollziehbar. Eine kluge Gesellschaftsanalyse und gleichzeitig die berührende Erzählung eines familiären Bruchs.“ (Klappentext)
Gedanken zur Autobiografie
Das Cover spiegelt die Dunkelheit wider, die Plaars Jugend prägte: Vor schwarzem Hintergrund ist ihr Porträt zu sehen, der Titel hebt sich in weißen Lettern deutlich ab. Rosa Akzente – etwa beim Namen der Autorin und der Einordnung als Historikerin und Aktivistin – setzen bewusste Kontraste. Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, dass es sich um ein ernstes, autobiografisches Werk handelt.
Das Buch umfasst 13 Kapitel sowie ein Vorwort, einen Prolog und Anmerkungen. Elf der dreizehn Kapitel tragen typische Phrasen von AfD-Wähler:innen als Überschrift. Plaar geht deren Ursprüngen auf den Grund, analysiert sie und versucht, sie argumentativ zu widerlegen – auch im persönlichen Ringen mit ihrer eigenen Familie. Es geht um finanzielle Interessen, Diskriminierung, Queerfeindlichkeit, den sogenannten „Schuldkult“, Rechtsextremismus und immer wieder um die schwierige Beziehung zu ihrem Vater, den sie konsequent als ihren „Erzeuger“ bezeichnet.
„Ich bin rückblickend immer noch verblüfft darüber, dass ich so lange um die Beziehung zu Menschen gekämpft habe, die vielleicht nur selten ein positives Wort über mich verloren, sobald ich den Raum verlassen hatte. […] Du kannst dich schwerer für andere einsetzen, wenn du selbst keine Luft bekommst.“ (Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich. Seite 56-57)
Bereits mit 15 Jahren outete sich Plaar. Ihre Familie betrachtete dies offenbar als Phase. Heute lebt sie offen queer – doch trotz der queerfeindlichen Politik der AfD wandte sich ihre Familie nicht von der Partei ab. Eigene (vermeintliche) Interessen wurden höher gewichtet als das Wohl des eigenen Kindes – obwohl diese Interessen von der Partei letztlich nicht einmal vertreten werden. Lediglich die Mutter distanzierte sich von der AfD, blieb jedoch im familiären Gefüge, sodass sie für Plaar keine verlässliche Vertrauensperson mehr sein konnte.
Besonders ergreifend ist die emotionale Last, die auf der Autorin ruhte. Gleichzeitig ist es erschreckend zu lesen, was manche Wähler:nnen bereit sind in Kauf zu nehmen, um sich vermeintlich sicher zu fühlen. Plaar beschreibt die Rhetorik von AfD-Sympathisant:innen und zeigt Wege auf, wie man Hass und Hetze argumentativ begegnen kann. Zugleich macht sie deutlich, dass nicht jeder Konflikt lösbar ist – und dass Selbstschutz manchmal bedeutet, Abstand zu nehmen. Mit ihrer Offenheit macht sie anderen Betroffenen Mut, ihren eigenen Weg zu gehen.
„Geduld ist ein Luxus derer, die vom Hass der Rechtsextremen nichts zu befürchten haben.“ (Leonie Plaar: Meine Familie, die AfD und ich. Seite 183)
Fazit
Meine Familie, die AfD und ich ist der erschütternde Bericht einer Frau, die bereits im Kindesalter mit rechtsextremen Parolen konfrontiert wurde. Über Jahre hinweg versuchte sie, ihre Familie zur Vernunft zu bringen – bis sie erkennen musste, dass sie für ihr eigenes Wohl Abstand von ihrer biologischen Verwandtschaft nehmen musste. Diese schmerzhafte Erfahrung hat sie zu einer starken, reflektierten und durchsetzungsfähigen Persönlichkeit gemacht. Heute kämpft sie auf andere Weise gegen Rechtsextremismus – mit Aufklärung, Analyse und persönlicher Haltung.
Ein wichtiges, bewegendes und hochaktuelles Buch.
Leonie Plaar
Meine Familie, die AFD und ich
192 Seiten
Paperback, Klappenbroschur
ISBN 978-3-442-32003-5
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
