Magali Le Huche: Die kleinen Königinnen (Nach dem Roman von Clémentine Beauvais). Reprodukt, Berlin 2025
Von Schmach zu Stärke: Ein Roadtrip der besonderen Art
Der Kindercomic Die kleinen Königinnen von Magali Le Huche erzählt eine sommerliche Roadtrip-Geschichte, welche sich aber schnell als vielschichtige Auseinandersetzung mit Identität, Körperbild und gesellschaftlichen Erwartungen entpuppt. Mit einer Mischung aus Humor, Ernsthaftigkeit und ungewöhnlicher Offenheit begleitet die Geschichte drei Mädchen, die sich trotz Ausgrenzung und Selbstzweifeln auf eine Reise durch Frankreich begeben – und dabei zu sich selbst finden.
Die Illustratorin des Kindercomics und die Autorin des Romans
Magali Le Huche (geboren 1979) studierte an der Kunsthochschule in Straßburg. Nach ihrem Abschluss begann sie sofort ihre ersten zwei Bilderbücher zu illustrieren. Seitdem sind viele weitere gefolgt. Inzwischen arbeitet sie für verschiedene Kinderbuchverlage sowie Zeitschriften und lebt in Paris.
Clémentine Beauvais (geboren 1989) promovierte in Cambridge über Kinderliteratur. Ihre Kinder- und Jugendbücher wurden vielfach ausgezeichnet. Sie schreibt sowohl auf Französisch als auch auf Englisch. Außerdem ist sie als Übersetzerin tätig und seit 2016 als Universitätsdozentin für English in Education an der University of York.

Inhalt
Mireille, Astrid und Hakima werden an ihrer Schule als „hässlichste Mädchen“ ausgezeichnet. Statt sich zu schämen, starten sie eine selbstbewusste Fahrradreise quer durch Frankreich. Ihr Ziel: die Gartenparty im Élysée-Palast am Nationalfeiertag, wo jede von ihnen für ihre eigenen Wünsche kämpfen will. Unterwegs werden sie überraschend berühmt.
Gedanken zum Kindercomic
Das Cover sticht sofort ins Auge – vor allem durch die kräftigen, leuchtenden Pinktöne, die dem Ganzen eine energiegeladene und fast schon rebellische Stimmung verleihen. Der Himmel wird von einem bunten Feuerwerk erhellt, was nicht nur festlich wirkt, sondern auch den Aufbruch und die besondere Reise der Mädchen symbolisiert.
Im Vordergrund sieht man die drei Protagonistinnen auf ihren Fahrrädern – selbstbewusst, in Bewegung, fast schon wie auf einer Mission. Trotz aller Unsicherheiten, die sie im Inneren begleiten, strahlen sie hier Stärke und Zusammenhalt aus. Das Zusammenspiel aus dynamischer Bewegung, intensiven Farben und dem Feuerwerk vermittelt schon auf den ersten Blick: Hier geht es um Aufbruch, Mut und darum, sich selbst einen Platz in der Welt zu erkämpfen.
Die Geschichte bot mir einen ungewöhnlichen Einstieg. Gleich zu Beginn steht das Körperbild der drei Mädchen im Mittelpunkt – schonungslos kommentiert, mit harten Worten von außen und viel Unsicherheit von innen. Das wirkt erst einmal irritierend, fast überfordernd, passt aber genau zum Ton des Buches.

Der Comic greift eine erstaunliche Bandbreite an Themen auf: Mobbing, Schönheitsideale und die Frage, welchen Wert Aussehen überhaupt hat. Es geht um Menstruation und Schmerzen, um Krieg und seine Folgen, um einen abwesenden Vater und das neue Baby in einer Patchwork-Familie. Auch körperliche Einschränkungen, Barrierefreiheit und psychische Belastungen werden angesprochen. Gleichzeitig spielen Social Media und die Diskrepanz zwischen digitaler Selbstdarstellung und Realität eine große Rolle – inklusive anonymer, verletzender Kommentare.
Besonders gelungen ist, wie widersprüchlich die Figuren sein dürfen: zwischen Selbstbewusstsein und Selbstverachtung, zwischen Genuss beim Essen und der Frage nach Kalorienzählen, zwischen dem Wunsch, sich zu verändern, und der Frage, ob man nicht genau richtig ist, wie man ist. Kleine humorvolle Details lockern das Ganze immer wieder auf – etwa Malos Shirt mit dem „Filou“-Logo statt FILA, das seinen Charakter fast zu charmant unterstreicht.
Aus einer anfänglichen Schmach wird nach und nach Ruhm – doch wichtiger als das ist der innere Konflikt: sich anzupassen, um schöner zu wirken, oder den eigenen Weg zu gehen. Am Ende steht auch die leise Erkenntnis, dass das eigene Zuhause vielleicht gar nicht so schlecht ist, wie gedacht.
Die reportagenartigen Abschnitte zwischendurch geben dem Comic zusätzlich Struktur und Tiefe, fast wie Momentaufnahmen einer Reise, wie man sie bei einem Newsticker lesen könnte. Insgesamt ein vielschichtiger, ehrlicher und stellenweise unbequemer Kindercomic, der mehr anspricht, als man zunächst erwarten würde.
Fazit
Die kleinen Königinnen ist ein mutiger und ehrlicher Kindercomic, der wichtige Themen anspricht, ohne dabei seine Leichtigkeit zu verlieren. Die Geschichte zeigt, wie aus Verletzungen Stärke entstehen kann, und ermutigt dazu, sich selbst anzunehmen, anstatt fremden Idealen hinterherzulaufen. Gerade durch die Kombination aus ernsten Inhalten, humorvollen Momenten und der klaren Bildsprache bleibt der Comic lange im Kopf und eignet sich nicht nur für jüngere Leser:innen, sondern auch für Erwachsene.
Magali Le Huche
Die kleinen Königinnen
156 Seiten
Ab 12 Jahren
ISBN 978-3-95640-461-0
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
