Ulli Lust: Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte. Reprodukt, Berlin 2025
Wenn Frauen die Geschichtsschreiberinnen wären…
Da Geschichte größtenteils von Männern geschrieben wurde, ist unser Blick auf die Vergangenheit stark männlich geprägt. Doch jüngste Forschungen zeigen, dass vieles, was lange als typisch männlich galt – etwa bestimmte Skelette und die daraus abgeleiteten Berufe früherer Menschen –, häufig weiblich war. Dadurch verändert sich unser Verständnis der Geschichte grundlegend. Es stellt sich die Frage: Wie groß war der Einfluss von Frauen seit Anbeginn der Menschheit auf Gesellschaft und Zusammenleben? Wann und wieso verschob sich dieses Gleichgewicht? Genau mit diesen Fragen setzt sich Ulli Lust in ihrem Sachcomic auseinander. Auf anschauliche Weise zeigt sie, was in der Vergangenheit häufig aus einer männlich geprägten Perspektive interpretiert – und mitunter fehlgedeutet – wurde.
Die Autorin und Illustratorin
Ulli Lust (geboren 1967) ist eine österreichische Comiczeichnerin sowie Illustratorin. Ihr Comic Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ (erschienen im avant-verlag) erhielt international viel Aufmerksamkeit und wurde mit dem Ignatz Award sowie dem Los Angeles Times Book Award ausgezeichnet. Sie illustrierte außerdem Flughunde (nach dem Roman von Marcel Beyer) und Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein. 2025 erschien ihr Sachcomic Die Frau als Mensch: Am Anfang der Geschichte. Als erster Comic überhaupt wurde er mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet. 2026 erscheint der Folgeband Die Frau als Mensch 2: Schamaninnen. Ulli Lust unterrichtet außerdem Zeichnung und Comic an der Hochschule Hannover.

Inhalt
„Stolze Hüften aus Knochen, Stein, gebranntem Ton. Wir nennen sie Göttinnen, doch wer oder was waren sie wirklich?
In Büchern über die Steinzeit sehen wir vorrangig Männer beim Jagen, Feuerstein schlagen oder Höhlen bemalen. Die meisten Menschenbilder aber, die uns von Eiszeitmenschen selbst hinterlassen wurden, zeigen Frauen. Was waren das für Gesellschaften, die sie und ihr Geschlecht so zentral und ohne Scham darstellten?
Nach Jahren der Recherche kehrt Ulli Lust zurück mit ihrem groß angelegten Sachcomic über die Anfänge der Kunst und die Bedeutung der Empathie für das Überleben unserer Spezies: Rund um die archaisch-weiblichen Figurinen entfaltet sich eine vergessene Welt, in der die Heldenreise Gruppensache war, die nur gemeinsam bestanden werden konnte, von Frauen, Männern, Kindern oder auch nichtbinären Menschen in mitunter reich geschmückter Rolle.“
(Produktbeschreibung)
Gedanken zum Sachcomic
Das Cover zeigt die abstrakte Darstellung einer Vulva und setzt setzt damit bereits visuell den Schwerpunkt auf die Weiblichkeit. Zusätzlich sind zwei Frauen aus der Eiszeit dargestellt, von denen eine ein Kind auf dem Rücken trägt. gemeinsam scheinen sie in die Tiefen einer Höhle zu steigen.
Das Sachcomic besticht durch seine zahlreichen detailreichen Zeichnungen und einer Mischung aus Bildern von archäologischen Artefakten, szenischen Darstellungen der behandelten Themen und eingestreuten Comicsequenzen, die das Leben der Frauen näher beleuchten.
Im Mittelteil hatte ich jedoch über längere Strecken den Eindruck, dass der Fokus auf die Frauen etwas verloren geht. Das mag allerdings auch daran liegen, dass aus diesen frühen Epochen nur begrenzt gesicherte Erkenntnisse vorliegen und vieles interpretiert oder rekonstruiert werden muss.
Das rund 250 Seiten starke Werk ist in zwölf Kapitel gegliedert: Die Scham, Sozialverhalten bei Menschenaffen, Töchter und Söhne der ersten Menschen, Heute ist alles anders, Eine Schlange im Paradies, Die Menschenfarbe, Kaltes Grasland, Die ersten Bildhauer:innen, Menschenknochen, Mammutmütter, Jägerinnen und Jäger, Gezeiten. Ein ausführlicher Anhang mit Anmerkungen ergänzt den Band.
Immer wieder schlägt die Autorin den Bogen in die Gegenwart und zieht Vergleiche zur heutigen Wahrnehmung von Scham, zum Umgang mit Menstruation oder zu Geschlechterrollen im Zusammenleben. So entsteht ein vielschichtiges Bild vergangener Kulturen. Der Band vereint Sachbuch (Biologie, Archäologie, Geschichtswissenschaft, Feminismus, Soziologie), Graphic Novel und Nachschlagewerk, wie man es in Museen erwerben kann. Die enge Verflechtung von Text und Bild macht die Lektüre anspruchsvoll, aber auch erkenntnisreich. Die Illustrationen laden dazu ein, genauer hinzusehen und eigene Hypothesen zu entwickeln.
Fazit
Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte ist ein detailreiches und informatives Sachcomic, welches sich intensiv mit der Stellung und Rolle der Frau in Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt. Die vielfältigen Illustrationen und der umfangreiche Text eröffnen den Leser:innen eine neue Perspektive auf Geschichte, die lange übersehen wurde, und beleuchten eindrucksvoll die Komplexität von Weiblichkeit und gesellschaftlicher Entwicklung. Demnächst erscheint der zweite Teil der Reihe. Die Frau als Mensch – Schamaninnen erforscht die Rolle der Frau in der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte.
Ulli Lust
Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte
256 Seiten
Hardcover
ISBN 978-3-95640-445-0
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
