FamilieFeminismusFrauenPsychische GesundheitRoman

Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Kampa Verlag, Zürich 2024

Vom ewigen Anpassen hinter dem schönen Schein

Anne Freytags Buch Lügen, die wir uns erzählen ist so eindrücklich geschrieben, total greifbar, aber eben auch unheimlich schwer im Herzen. Die Autorin nutzt hier oft eine so bildhafte Sprache, dass man gar nicht anders kann, als mitzufühlen. Die Melancholie der Protagonistin Helene und ihr Entwicklungsweg sind berührend, wenn auch hin uns wieder etwas wiederholend.

„Ich übersetzte, vermittelte, rieb mich auf – und geriet dann ins Kreuzfeuer. Einer der beiden schickte mich vor, der andere knallte mich ab.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 32)

Die Autorin

Anne Freytag widmet sich nach einem holprigen Start mit BWL-Studium mitten in der Wirtschaftskrise, über 100 Absagen und Umwegen über Boutique-Jobs und Grafikdesign seit 2013 ganz dem Schreiben. Dass dieser Schritt genau richtig war, beweisen zahlreiche Auszeichnungen und Nominierungen für ihre Werke, darunter gleich zweifach für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Heute lebt und arbeitet die Autorin in München, wo auch ihre Romane Lügen, die wir uns erzählen und Blaues Wunder entstanden sind.

© Kampa Verlag

Der Inhalt

Eigentlich wollte Helene ihren Mann schon vor Jahren für ihre große Liebe Alex verlassen, doch am Ende ist es Georg, der sie für eine andere sitzenlässt und ihr Leben mit einem simplen „Es ist einfach passiert“ zum Einsturz bringt. Was sich wie das absolute Ende anfühlt, kann für Helene jedoch ein dringend benötigter Befreiungsschlag sein. Der Ausbruch aus dem engen gesellschaftlichen Korsett, in dem sie als Tochter, Mutter, Ehe- und Karrierefrau immer nur versucht hat, den Erwartungen anderer zu entsprechen. Nun hat sie die Möglichkeit die alten Rollenbilder hinter sich zu lassen, zu ergründen, was sie selbst genau will und sich ein eigenes Ich und ein eigenes Heim aufzubauen.

Gedanken zum Roman

Schon das Cover fängt die Stimmung perfekt ein: Man sieht eine nackte Frau in den Laken liegen. Ein Arm hängt schlapp nach unten, der andere liegt über den Augen. Da kommen sofort diese pure Erschöpfung, die Trauer sowie Melancholie rüber. Und trotzdem sind die Farben drumherum kräftig und lebendig – ein krasser Kontrast, der neugierig macht.

„Innerlich schrie ich mir die Seele aus dem Leib. Ich schrie mich heiser, weinte, aber man sah es mir nicht an. Mein Gesicht, war wie immer, die Wimpern getuscht, die Lippen rot, das Haar glänzend.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 86)

Im Mittelpunkt steht Helene. Eine Frau, die eigentlich ihr ganzes Leben lang nur nach Liebe, Zuneigung und Wertschätzung gesucht hat. Und was hat sie dafür getan? Sich angepasst. Immerzu. Erst als Tochter an ihre Mutter. Später dann in die Rolle der Ehefrau komplett an ihren Mann Georg. Und daraufhin schlüpfte sie in die Rolle der Mutter und Karrierefrau. Überall beeinflusst durch die Menschen, die sie umgeben und nicht mit dem Blick ins eigene Innere.

„Wenn Alex und mich eines verband, waren es Abschiede. Abschiede und Liebe. Das waren wir.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 305)

Ihre emotionalen Ausflüge aus diesem völlig festgefahrenen Leben sind ihre Erinnerungen an Alex. Er war ihre erste große Liebe. Aber sie hatte damals einfach nicht den Mut, mit ihm etwas Gemeinsames aufzubauen. Aus Angst hat sie dieser Liebe nie richtig nachgegeben. Jetzt schwelt da diese Sehnsucht nach ihm – wobei sie Alex über all die Jahre wahrscheinlich auch extrem idealisiert hat. Auch Alex hängt in der Vergangenheit fest. Und das Tragische ist: Helene lässt sich zwar zu Beginn auf die Beziehung mit ihrem Mann Georg ein, zieht sich dann jedoch irgendwann zurück… dieses ewige Hin und Her, gepaart mit schweren Schicksalsschlägen und der absoluten Unfähigkeit der beiden, miteinander zu reden, bricht der Liebe am Ende das Genick.

„Ich hatte alles. Vielleicht war alles zu viel.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 230)

Was mich beim Lesen so richtig gepackt hat, ist, wie bildhaft Helene die ersten Jahre mit den Kindern beschreibt. Man spürt diese bleierne Müdigkeit, die Erschöpfung und die absolute Überforderung fast schon körperlich. Sie war so unfassbar allein. Ihr Mann Georg hat nur im absoluten Notfall mit angepackt – doch erst, wenn sie wirklich schon am Boden lag. Gleichzeitig war es für ihn völlig selbstverständlich, ihre Ressourcen mitzunutzen, wenn sein eigener Terminplan oder seine Fehler es verlangten.

Generell ist Georg ein schwieriger Charakter. Er scheint den Erfolg seiner Frau überhaupt nicht ertragen zu können, obwohl er selbst in seinem Job erfolgreich ist. Helene musste in ihrer Kindheit und Jugend so viel durchmachen, hatte später zwei Fehlgeburten – und er zeigt wenig Empathie. Klar, wir kennen hier nur Helenes Sicht der Dinge, aber es tut trotzdem weh beim Lesen. Georg ruht sich auf seiner gesellschaftlichen Stellung als Mann viel zu lange aus. Und als es ihm dann doch zu viel wurde, nahm er sich einfach eine Freundin.

„Weil Nostalgie eine dreckige Lügnerin ist, die alles Vergangene schöner erscheinen lässt, als es tatsächlich war. Georg musste gegen Alex verlieren – er war real, Alex eine Fantasie. Ein endloses Was-wäre-wenn?, ein tiefes Bedauern.“ (Anne Freytag: Lügen, die wir uns erzählen. Seite 214)

Richtig spannend – und gleichzeitig total traurig – wird es, als plötzlich Tochter Anna eine eigene Stimme bekommt. Sie hat den emotionalen Kontakt zur Mutter verloren, ist ihr im Grunde aber so ähnlich: Sie will es auch immer nur allen recht machen und fühlt sich von ihrer Mutter überhaupt nicht gesehen. Hier prallen die unterschiedlichen Wahrheiten so richtig aufeinander. Helene versucht krampfhaft, sich zusammenzureißen, während die Tochter sich eigentlich nur wünscht, dass die Mutter mal echte Emotionen zeigt. Gleichzeitig beobachtet man, wie Helene dafür mit ihrem Sohn enger zusammenwächst, weil die beiden ein gemeinsames Projekt haben. Was ich mich allerdings wirklich gefragt habe: Warum sieht Anna eigentlich nicht, wie falsch ihr Vater den eigenen Bruder behandelt? Dass nicht der Bruder der „Böse“ ist, sondern der Vater das Problem hat? Das hat mich echt ein bisschen fassungslos gemacht.

So stark das Buch emotional ist, hatte es für mich auch ein paar Schwachstellen. Die Sprünge in der Zeitlinie fand ich manchmal echt schwer einzuordnen. Da wären ein paar einfache Jahreszahlen zwischendurch wirklich hilfreich gewesen, um sich besser zurechtzufinden. Außerdem war es mir an manchen Stellen einfach zu wiederholend und langgezogen. Da hätte man das Ganze hier und da ruhig ein bisschen kürzen können, um den Fluss nicht zu verlieren.

Fazit

Lügen, die wir uns erzählen ist ein Buch, das wehtut, das wütend macht und das zum Nachdenken anregt. Es zeigt schonungslos, was passiert, wenn wir uns selbst für andere aufgeben und in den Lügen leben, die wir uns tagtäglich selbst erzählen. Anne Freytag arbeitet extrem gut und eindrücklich heraus, wie die Rolle der Frau und Mutter in unserer Gesellschaft oft aussieht. Dieses ständige Zurückstecken, die absolute Selbstverständlichkeit, mit der diese Last bei der Frau abgeladen wird, während der Mann sein Leben mit kaum einer Veränderung weiterlebt. Am Ende bleibt oft nur der Rückzug, die Kapitulation und eine tiefe Enttäuschung. Ein wirklich radikaler, feministischer Roman, der diese Missstände schonungslos aufzeigt. Trotz kleinerer Längen absolut lesenswert!


Anne Freytag
Lügen, die wir uns erzählen
384 Seiten
ISBN 978-3-3111-0117-8

Diese Romane könnten dich auch interessieren

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.