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Vera Zischke: Pina fällt aus. List by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2026

Das laute Glück der leisen Töne: Ein berührender, authentischer und starker Roman

Eigentlich stand Vera Zischkes Debütroman Ava liebt noch schon eine ganze Weile ganz weit oben auf meiner Leseliste, da mich der Inhalt sehr intreessiert. Als ich mich letztens in der Buchhandlung umsah, fiel mir dann jedoch ihr neues Werk Pina fällt aus in die Hände – der Erstling war im Regal gerade nicht zu finden. Kurzentschlossen habe ich also mit dem zweiten Buch der Autorin begonnen und wurde nicht enttäuscht. Nach diesem berührenden Leseerlebnis steht für mich fest, dass ich ihr gefeiertes Debüt nun erst recht ganz bald lesen möchte.

„Die Stimme eines unschuldigen Kindes, den Blick eines Hundertjährigen, der alles Elend dieser Welt gesehen hat. Und jetzt steht er hier und der einzige Mensch, der ihn versteht, ist weg.“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. Seite 115)

Die Autorin

Vera Zischke (geboren 1980) arbeitet als ausgebildete Journalistin tagsüber für die Zeitung und schreibt nachts Romane. Ihr über Social Media bekannt gewordener Debütroman Ava liebt noch entwickelte sich schnell zum Bestseller, in dem sie – wie in all ihren Geschichten – erfundene Figuren in wahren Begebenheiten agieren lässt. Auf ihrem Instagram-Kanal @verazischke gibt sie unter dem Motto „Tired Writing Mom“ Einblicke in ihr Leben und thematisiert dabei auch die pflegende Elternschaft. Heute lebt die Mutter eines autistischen Kindes mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.

© List by Ullstein Buchverlage GmbH

Inhalt

Als die alleinerziehende Pina auf der Intensivstation landet, bleibt ihr zwanzigjähriger Sohn Leo, der in seiner eigenen Welt lebt, das erste Mal allein zurück. Die übrigen Hausbewohner – die Teenagerin Zola, der Einsiedler Wojtek und die Seniorin Inge – sind mit ihren eigenen Problemen beschäftigt und wollen zunächst keine Verantwortung für den ungewöhnlichen Nachbarn übernehmen. Da Leo jedoch auf Hilfe angewiesen ist, müssen sich die komischen Vögel seinem außergewöhnlichen Alltag anpassen. Dabei stellen die Nachbarn überrascht fest, dass die Fürsorge für Leo nicht nur ihm hilft, sondern auch ihr eigenes Leben auf unerwartete Weise bereichert.

Gedanken zum Roman

Das ausdrucksstarke Cover zeigt Pina mit einem Blick voller Sorge und Ruhe zugleich. Die Frau, die seit zwanzig Jahren unermüdlich ihren Sohn betreut und nun durch ihren Zusammenbruch abrupt zum Stillstand gezwungen ist. Auf einem Kissen gebettet liegt sie da und fixiert uns Leser mit einem direkten Blick. In ihren Augen liegt dabei eine bewegende Mischung aus Ruhe, innerer Anspannung und der stummen Sorge einer Mutter, die ihr Kind zurücklassen musste.

Wenn das Herzstück eines fragilen Systems plötzlich wegbricht, gerät alles ins Wanken. In ihrem Roman wirft Vera Zischke einen so sanften wie tiefgründigen Blick auf eine Hausgemeinschaft, die durch einen Schicksalsschlag gezwungen wird, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und über die eigenen Grenzen hinauszuwachsen.

„Pina Luxen ist gut darin, Dinge zu tun, die getan werden müssen.“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. Seite 12)

Im Mittelpunkt steht zunächst Pina, eine Mutter, die sich jahrelang aufopfernd und mit unendlicher Liebe um ihren inzwischen zwanzigjährigen Sohn Leo gekümmert hat. Leo scheint in seiner eigenen Welt gefangen zu sein. Gleichzeitig strahlt er eine faszinierende Ruhe aus. In seiner festen Ordnung und den täglichen Regelmäßigkeiten ist er absolut zufrieden mit sich und seinem Leben. Doch als Pina kollabiert, müssen die Nachbarn einspringen – eine Truppe von Individualisten, die mit ihren eigenen Päckchen schon völlig überfordert sind.

„Zola ist ein merkwürdiges Mädchen, zu ernst für ihr Alter, sehr wütend, aber trotzdem auf gewisse Art kraftlos.“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. Seite 124)

Da ist Zola, ein junges Mädchen auf der Suche nach sich selbst. Sie weiß nicht, wohin ihr Leben führen soll, hat das Gefühl, es ihrer Familie nie recht machen zu können, und trägt ein schmerzhaftes Geheimnis um ihre ehemals beste Freundin mit sich herum. Und doch ist sie es, die sich plötzlich mit einer berührenden Selbstverständlichkeit Leos annimmt. Unterstützt wird sie von Inge, der alten Dame des Hauses. Mit ihren lebensklugen Weisheiten übernimmt Inge im Extremfall das Kommando, delegiert die Aufgaben und hält die Fäden fest in der Hand. Und schließlich Wojtek: der einsame Einsiedler ohne Selbstbewusstsein, der so tief in seiner eigenen Zurückhaltung gefangen ist und durch Leo aus seiner Komfortzone herausgeholt wird.

„Ein altbekanntes Gefühl kriecht Wojteks Nacken hoch. Es ist das Gefühl, nicht aus seiner Haut zu können. Er spürt es körperlich, das war schon immer so. […] Er kann nicht wie andere, etwas engt ihn ein, macht seine Welt kleiner.“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. Seite 168)

Vera Zischke ist ein Roman gelungen, der zutiefst berührt und mitreißt, obwohl er so wunderbar ruhig und sanft erzählt wird. Man spürt auf jeder Seite die persönliche Note der Autorin: Als pflegende Mutter eines autistischen Kindes lässt sie hier sicherlich eigene Erfahrungen einfließen. Das macht die Beschreibungen von Leos Alltag und den Herausforderungen so unaufgeregt authentisch. Besonders charmant: Im Buch wird nie explizit benannt, welche medizinische Diagnose Leo hat. Er ist einfach Leo, mit all seinen liebenswerten Eigenheiten. Einfach ein Individuum in einer vielseitigen Gesellschaft.

„Behindert ist nicht die kaputte Version von normal“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. S. 278)

Das Buch verzichtet auf kitschige Happy-End-Klischees. Die Mitte bringt eine unvorhergesehene Wendung, und es sind am Schluss längst nicht alle individuell im klassischen Sinne glücklich, nicht alle Probleme sind behoben. Aber das müssen sie auch nicht. Denn die ungleichen Hausbewohner haben etwas viel Wertvolleres gefunden: Sie gehen die Zukunft gemeinsam an und wachsen als Gemeinschaft weiter zusammen.

Fazit

Pina fällt aus ist ein leiser, aber ungemein kraftvoller Roman, der ohne Kitsch und falsche Sentimentalitäten auskommt. Vera Zischke zeigt auf authentische Weise, wie aus einer bloßen Zweckgemeinschaft durch geteilte Verantwortung echte Menschlichkeit und tiefer Zusammenhalt entstehen können.

Als Leser ertappt man sich dabei, dass man unbedingt noch erfahren möchte, wie es mit Zola, Wojtek, Inge Pina und Leo weitergeht. Doch genau das ist die große Quintessenz des Buches und das Geheimnis des Lebens selbst: Man weiß nie, was als Nächstes kommt. Wichtig ist nur, im Hier und Jetzt wirklich zu leben und füreinander da zu sein. Ein absolut lesenswertes, warmherziges Buch über die Kraft des Zusammenhalts!

„Es braucht Störsteine. Es braucht sie sogar ganz dringend. Und sie müssen mitten im Fluss stehen, nicht am Rand.“ (Vera Zischke: Pina fällt aus. Seite 276)

Vera Zischke
Pina fällt aus
Hardcover mit Schutzumschlag
304 Seiten
ISBN 978-3-4713-7006-3

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