Jan Cole: Was du nicht erwartest. Monika Fuchs Verlag, Hildesheim 2022
Berührend und tiefgreifend werden zwei Schicksale verflochten
Falls ihr noch auf der Suche nach einem Last-Minute-Geschenk zu Weihnachten seid, habe ich heute ein tolles Buch für euch im Gepäck. Was du nicht erwartest von Jan Cole alias Liv K. Schlett stand schon lange auf meiner Wunschliste. Ich mag es, Bücher fernab des Mainstreams zu entdecken und der Klappentext dieses Werkes versprach eine großartige Geschichte. Ich wurde nicht enttäuscht. Im Gegenteil, meine Erwartungen wurden übertroffen und ab einem gewissen Punkt war es mir einfach nicht mehr möglich, das Buch aus der Hand zu legen.
„Natürlich gab es früher auch Autisten. […] Man hat das nur nicht so genannt. Heutzutage ist das Bewusstsein für verschiedene Krankheiten größer, deshalb werden sie eher erkannt, das bedeutet nicht, dass sie häufiger vorkommen. Oder wenn sie eher auffallen, dann liegt es daran, dass die moderne Welt autistenfeindlich ist“ (Jan Cole: Was du nicht erwartest. Seite 165)
Der Autor / Die Autorin
Beim Namen Jan Cole handelt es sich um ein Pseudonym. Die Autorin Liv K. Schlett, (geboren 1995) tarnt sich dahinter. Sie studierte Kreatives Schreiben sowie Kulturjournalismus. Ihren Debütroman Was Du Nicht erwartest veröffentlichte sie 2022 unter dem Namen des im Buch auftretenden, fiktiven Autors Jan Cole. Der Roman war für den „Delia Literaturpreis“ und den „LovelyBooks Community Award“ nominiert und wurde mit dem rheinland-pfälzischen Jugendbuchpreis „Die Goldene Leslie“ ausgezeichnet.

Inhalt
„Die Nachricht von Acts Tod erschüttert die Rebellion. Wer soll nun …
Halt, Stopp!
Das hier ist nicht das Buch, das du haben wolltest. Also … nicht wirklich. Tut mir leid, ich kann das auf die Schnelle nicht besser erklären, es ist echt ein bisschen kompliziert. Aber ich wollte dich trotzdem warnen, nicht dass du dich später ärgerst.
In diesem Buch geht es um Nik (das bin ich), 17 Jahre alt, Autist und möglicherweise verliebt. Und es geht um Mai, 18 Jahre alt, magersüchtig und stinksauer. Wir haben uns in der Jugendpsychiatrie kennengelernt, wo wir beide gar nicht sein wollten. Mai, weil sie das mit dem Essen schwierig findet, und ich, weil ich unbedingt herausfinden wollte, ob ich tatsächlich in das Mädchen von der Bahnhaltestelle verliebt bin. Also sind wir abgehauen, so richtig, wie im Film. Ich kann immer noch nicht glauben, was alles passiert ist und was wir erlebt haben. Aber es ist passiert. Und es war das größte Abenteuer unseres Lebens.“
(Produktbeschreibung)
Gedanken zum Jugendbuch
Das Cover zeigt uns einen der beiden Hauptprotagonisten. Nik, ein Junge der zum Himmel schaut und dem wohl einige Gedanken durch den Kopf rauschen. Im Hintergrund die Berliner sowie die Frankfurter Skyline, die sich überlagern und sich dabei durch ihre Farbintensität unterscheiden. Wir sehen den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang. All das in Orange- und Petrolfarben ergibt ein harmonisches Bild, welches geradezu einlädt, sich diesem Buch zu widmen.
„Sie wollen mein Leben retten, dachte ich noch, aber stattdessen töteten sie mich. Und dann dachte ich, wie erbärmlich und melodramatisch das klang.“ (Jan Cole: Was du nicht erwartest. Seite 265)
Die Geschichte wird aus zwei Perspektiven geschildert. Da ist Nik, der im Präsens schreibt und auf der anderen Seite Mai, die sich für die Vergangenheitsform entschieden hat. Ich empfand das zu Beginn als etwas ungewöhnlich, gewöhnte mich aber schnell daran. Es macht auch Sinn, weil es dadurch die verschiedenen Sichtweisen widerspiegelt. Der Sprachstil der beiden Jugendlichen ist ein wenig roh und somit absolut unverfälscht. Man hat zu jeder Zeit den Eindruck, dass hier ein 17 und eine 18-jährige erzählen, die durch ihre Vorgeschichten in manchen Belangen aber auch eine gewisse Reife habe, als manch andere ihres Alters.
„Früher hatte ich geglaubt, dass Menschen, die an solchen Orten arbeiten, nett sein müssen, einfühlsam, freundlich. Wie naiv ich gewesen war. Nette Leute wie Frank waren in der Minderheit, vielen anderen ging es nur darum, Macht auszuüben.“ (Jan Cole: Was du nicht erwartest. Seite 83-84)
Es war manchmal schwer auszuhalten, wie wenig flexibel die Welt mit Niks Besonderheiten umgehen kann. Erst die Polizisten, die doch eigentlich geschult sein sollte. Dann das Personal der Psychiatrie, wo erst Recht Wissen über Autismus vorhanden sein müsste. Nik wird direkt am Anfang der Handlung einfach in diese Einrichtung verfrachtet – ohne Erklärung, ohne dass die Betreuer wissen, worauf sie zu achten haben. Und auch mit Mai wurde oft sehr wenig einfühlsam umgegangen.
Obwohl Nik und Mai so unterschiedlich sind, so ergänzen sie sich gut und haben ein tolles Feingefühl füreinander. Nik lässt Stück für Stück etwas Nähe zu und Mai setzt sich mit ihrer Erkrankung auseinander und lässt sich auf Niks Weise ein. Aber ganz so einfach legt man eine Magersucht natürlich nicht ab. Das stellt auch Nik bald fest.
„Sie ist wirklich etwas Besonderes, eine Ausnahme. Obwohl mich das mit der Magersucht traurig macht. Ich hätte lieber, dass sie das nicht hat, oder würde es ihr gerne wegnehmen, aber ich weiß ja, dass das so nicht funktioniert.“ (Jan Cole: Was du nicht erwartest. Seite 195)
Der Boden einer jeden Buchseite ist mit einer Illustration versehen, je nachdem auf welchem Abschnitt des Roadtrips wir uns befinden. Zunächst ist da die Skyline Berlins, dann Bäume, gefolgt von der Frankfurter Skyline etc.
Was ich wirklich erstaunlich fand, war am Ende die Lösung für Niks Problem – so einfach und so naheliegend – ist sie mir während des Lesens aber nicht in den Kopf gekommen. Zum Glück kamen auch Nik und Mai nicht auf diese Idee, sonst hätten sie ihr Abenteuer vermutlich gar nicht erst begonnen.
Fazit
Was du nichts erwartest ist ein kleines Highlight für mich und ich bin so froh, diesen Schatz auf meiner Reise durch die Welt der Bücher entdeckt zu haben. Wir haben hier eine einfallsreiche, tiefgründige, humorvolle Geschichte, die sich mit Autismus, Magersucht, Mental Health, People of Color und dem Alltag in einer Psychiatrie auseinandersetzt. Nik und Mais Abenteuer hat mich zutiefst ergriffen und nicht so leicht wieder losgelassen. Ein echter Pageturner.
Jan Cole
Was du nicht erwartest
316 Seiten
ab 14 Jahren
ISBN 978-3-947066-47-6
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
