Lola Randl: Der lebende Beweis. Matthes & Seitz, Berlin 2026
Verwirrung statt Tiefgang
Wer Lola Randls neuen Roman Der lebende Beweis aufschlägt, erwartet laut Klappentext ein Werk „voller Humor und Tiefgang“. Was man stattdessen erhält, ist eine verstörende, sprunghafte und oft zutiefst bedrückende Lektüre, die den Leser ratlos zurücklässt. Von Leichtigkeit oder Satire fehlt hier jede Spur.
Die Autorin
Lola Randl (geboren 1980) ist eine deutsche Regisseurin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Nach einem Studium an der Kunsthochschule für Medien machte sie sich zunächst mit Spielfilmen wie Die Besucherin einen Namen. Seit ihrem Umzug in die Uckermark verarbeitet sie ihr Landleben und gesellschaftliche Beobachtungen in ihren Romanen.

Inhalt
In der vorliegenden Geschichte zieht sich die Protagonistin auf den Dachboden ihres Dorfhauses zurück, um an einer vermeintlich lebensverändernden Forschung zu arbeiten. Während sie zunehmend den Bezug zur Realität verliert und von Wahnvorstellungen geplagt wird, entgleitet ihr der chaotische Alltag mit Familie und Dorfbevölkerung immer weiter. Der Roman schildert in sprunghaften, absurden Episoden den schleichende mentale Verfall einer völlig überforderten Frau und Mutter.
Gedanken zum Roman
Die außergewöhnliche, skurrile Gestaltung wirkt mit ihren Unsauberkeiten, Notizen und Tintenflecken wie ein verkleckertes Arbeitsheft der Protagonistin, in dem naive Skizzen in den scheinbar wissenschaftlichen Versuch übergehen, der Welt eine Struktur zu geben. Die sich auf der Rückseite in die Unendlichkeit drehende Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, fungiert vermutlich als eine Art Metapher: Sie steht einerseits für mathematische Unendlichkeit und andererseits für den mentalen Teufelskreis, aus dem sich die Protagonistin in ihrem Gedankengefängnis nicht mehr befreien kann. Das alles weckte meine Aufmerksamkeit und ließ mich zu diesem Buch greifen.
Die Handlung entzieht sich konsequent einer chronologischen Ordnung, was jedoch erstaunlich gut zu dem inneren Zustand der namenlosen Protagonistin passt. Diese zieht sich auf den Dachboden zurück, um angeblich an einem mathematischen Beweis zu forschen. Doch eine echte wissenschaftliche Arbeit findet nicht statt. Vielmehr erscheint die Beschäftigung mit Zahlen und Mustern als verzweifelter Versuch, einer Stück für Stück entgleitenden Realität eine Ordnung aufzuzwingen. Die Grenzen zwischen Isolation, Substanzkonsum und Wahnvorstellungen – wie dem wahllosen Essen unidentifizierbarer Objekte von der Straße – verlaufen fließend.
„Vielleicht halten wir beide an etwas fest, das längst vorbei ist, jeder aus einem anderen Grund.“ (Lola Randl: Der lebende Beweis. Seite 35)
Die Protagonistin wirkt von allem maßlos überfordert: sei es die Schule der Kinder, der kranke Vater oder das Auftauchen der Polizei. Ihre Umwelt betrachtet sie aus einer extremen Distanz. Die Menschen in ihrem Umfeld bleiben meist namenlose Gestalten („Der Mann“, „Die Mutter“, „Der Liebhaber“, „Der Einsiedler“), was ihre emotionale Entfremdung unterstreicht. Vor allem wenn völlig unbekannte Passanten plötzlich Namen erhalten oder bizarre Episoden wie die Tasche voller Geld und das verwirrende Intermezzo um Alberich eingebaut werden, zeigt sich die absurde Logik ihrer Gedankenwelt. Auch die Bewohner und das Leben im Dorf werden distanziert betrachtet und zeigen ihren gefühlten Zwang zur Dazugehörigkeit sowie die eigene Ausgrenzung.
„Der Wust ist viel zu umfangreich, als dass sich daraus vernünftige Schlüsse ziehen ließen.“ (Lola Randl: Der lebende Beweis. Seite 125)
Ein entscheidendes Manko des Buches ist der fehlende Hinweis darauf, dass es sich hierbei im Grunde um die Fortsetzung bzw. die Endstufe einer autofiktionalen Reihe handelt. Wer die Vorgängerbände (Der große Garten, Die Krone der Schöpfung) kennt, versteht eventuell den schleichenden Weg der Figur Lola in die psychische Erschöpfung und kennt die bis dahin etablierte Figurenkonstellation. Ohne diesen Kontext wirkt der Roman – für Quereinsteiger wie mich – wie ein unzugängliches Rätsel.
Fazit
Der lebende Beweis ist kein Buch für zwischendurch und sicher keine humorvolle Lektüre. Es ist das Porträt eines mentalen Zerfalls. Wenn das Ziel der Autorin war, das Gefühl der vollkommenen Verwirrung und Überforderung spürbar zu machen, ist ihr das gelungen – ein angenehmes oder erhellendes Leseerlebnis bietet der Roman dadurch allerdings nicht.
Lola Randl
Der lebende Beweis
188 Seiten
Hardcover
ISBN 978-3-7518-1063-0
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*

