Lukas Jüliger: Unfollow. Reprodukt Berlin 2020
Von Utopie zu Dystopie
Kann ausgerechnet ein Social-Media-Star die Welt vor dem Klimakollaps retten? In Unfollow greift Lukas Jüliger genau diese Frage auf und erschafft eine Geschichte, die sich irgendwo zwischen grüner Utopie, moderner Zivilisationskritik und dunkler Dystopie bewegt. Ein Buch, das mich von der ersten Seite an zum Nachdenken gebracht und am Ende etwas verloren zurückgelassen hat.
Der Autor und Illustrator
Lukas Jüliger (geboren 1988) studierte Illustration in Hamburg und Paris. Nach seinem Debüt Vakuum (2013) und der modernen Poe-Adaption Berenice präsentierte er mit Unfollow ein neues Werk. 2026 erscheint außerdem sein Graphic-Novel-Projekt: Terraform.

Inhalt
Ein geheimnisvoller Influencer namens Earthboi erobert das Internet. Aus der tiefsten Wildnis heraus teilt er Inhalte, die ein radikales Umdenken und eine Rückbesinnung auf die Natur fordern. Seine Follower sind fasziniert, denn Earthbois Wissen ist uralt: Seine Erinnerungen reichen bis zur Entstehung des Lebens selbst zurück. Er versteht die Natur in all ihren Facetten und will die Erde heilen. Doch was bedeutet das für die Menschheit? Was bringt Earthboi vom seinem eingeschlagenen Pfad ab und findet er wieder zurück? Es ist die Geschichte eines Aufstands, der im Netz beginnt und bis in die Realität hineinreicht.
Gedanken zur Graphic Novel
Bereits beim ersten Blick auf die Gestaltung wird man neugierig: Ein Mensch liegt mitten in der Wildnis, umgeben von dichtem Grün – und gleichzeitig stehen dort ein Laptop und weiteres elektronisches Equipment. Die Person scheint von einem rosa Licht umgeben zu sein (oder es selbst auszustrahlen), während die Natur ringsherum in Blau gehalten ist. Diese beiden Farben – Rosa und Blau – ziehen sich durch das gesamte Buch. Die Kombination wirkt auf den ersten Blick skurril, verbindet jedoch moderne Technik mit einem nachhaltigen Lebensstil.
Genau dieses Spannungsfeld greift Lukas Jüliger auf eine erfrischend neue Art auf: Was passiert, wenn die Sucht der Menschen nach Technik, Dauerbeschallung und Social Media für eine ökologische Kehrtwende genutzt wird? Earthbois App nutzt genau dieses Suchtverhalten aus, um ein Bewusstsein für die Natur zu schaffen. Es ist faszinierend mitzuerleben, wie er für eine Rückbesinnung auf die Ursprünge plädiert, ohne die modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord zu werfen.
Stark fand ich die utopischen Ansätze. Gezüchtete Pflanzen und Korallen, die dem Klimawandel trotzen, bieten eine faszinierende Vision. Auch das Element des Geruchs als olfaktorische Brücke zur Vergangenheit ist interessant. Für Earthboi ist der Duft die Verbindung zum Wissen aus der Zeit vor der Menschheit. Für seine Anhänger wird er zum Mittel, um Earthbois Lehren nicht zu vergessen. Das Ganze bekommt schnell Züge einer neuzeitlichen Religion. Earthboi selbst bleibt dabei sympathisch menschlich – er kommt zwischendurch von seinem Weg ab, findet aber immer wieder zurück. Einzig die Einführung von Multiplikatoren hat sich mir nicht ganz erschlossen, da Earthboi und seine App ohnehin schon eine enorme Reichweite hatten.
Ein radikaler Wendepunkt trifft die Leser völlig unvorbereitet mit einem plötzlichen Umschwung im letzten Drittel: Gewalt, Tod und Radikalisierung halten Einzug. Earthbois Vision wird von seinen Anhängern völlig falsch ausgelegt, mit Füßen getreten und in sein Gegenteil verkehrt. Im Glauben, es besser als ihr Meister zu machen, stürzen seine Jünger die Welt in Chaos und Krieg. Am Ende geht es den Menschen doch wieder nur um Macht – diesmal sind es die ehemaligen Außenseiter, die sich und ihre Ideen gewaltsam über alle anderen erheben. Warum das letztlich so eskaliert, bleibt ungeklärt, was mich als Leser mit einer gewissen Traurigkeit und Ratlosigkeit zurückgelassen hat.

Optisch unterscheidet sich Unfollow von klassischen Graphic Novels: Es gibt keine Sprechblasen, sondern erzählerische Untertitel unter den Bildern. Die Farbpalette ist stark reduziert und wird von Blau- und Brauntönen (sowie dem prägnanten Rosa) dominiert.
Auch der Erzählton ist spürbar distanziert. Was sich zunächst etwas fremd anfühlt, klärt sich im Laufe der Handlung auf: Nicht Earthboi selbst erzählt die Geschichte, sondern seine Jünger blicken auf die Ereignisse zurück. So gelungen dieser Kniff auch ist, bringt er einen kleinen Kritikpunkt mit sich: Ein wenig mehr Details und tiefere Erklärungen hätten der Geschichte gutgetan, um mehr Emotionalität aufzubauen. Als Leser beobachtet man das Geschehen meist aus einer gewissen Distanz.
Fazit
Unfollow ließ mich zwiegespalten zurück. Der Epilog gibt zwar noch einen kleinen Funken Hoffnung und deutet an, dass es womöglich doch einen Ausweg geben könnte, diesen erleben wir hier aber nicht mehr. Die Graphic Novel setzt sich mit der Menschheit, der Klimakrise und der Social-Media-Kultur auseinander. Der plötzliche Wandel von einer interessanten Utopie in eine gewaltvolle Dystopie ist vermutlich nicht Jedermann Sache.
Lukas Jüliger
Unfollow
166 Seiten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-95640-217-3
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
