Louisa Dellert: Unshame. Wie wir uns von Idealen befreien und den weiblichen Körper wertschätzen. Ullstein allegria, Berlin 2026
Ein Plädoyer für Körpervielfalt
Kennen wir das nicht alle? Dieser eine leise Gedanke im Hinterkopf: „Was denken die anderen eigentlich gerade über mich und mein Äußeres?“ Obwohl ich in meiner Jugend gar nicht so extrem viel Social Media oder klassische Medien konsumiert habe, erwische ich mich selbst immer wieder dabei, wie ich mit meinem Körper hadere. Der Grund dafür ist so simpel wie bitter: Der sogenannte Male Gaze – dieser männlich geprägte Blick auf die Welt – ist einfach allgegenwärtig. Er redet uns Frauen subtil und manchmal ganz unverblümt ein, dass wir ohne vollkommene Makellosigkeit weniger wert sind. Umso dankbarer bin ich für Bücher, die genau hier ansetzen, uns an die Hand nehmen und das gesamte System dahinter einmal gründlich auseinandernehmen. Unshame von Louisa Dellert ist genau so eines und ich möchte es euch allen ans Herz legen.
„Dieses Buch ist eine Einladung, die dir dabei helfen soll, nachsichtiger und sanfter zu deinem Körper zu sein. Ich wünsche mir für dich, dass du daraus mitnimmst, dich innerlich zurückzulehnen, und die Fähigkeit entwickelst, dich selbst und andere Menschen weniger zu verurteilen.“ (Louisa Dellert: Unshame. Seite 17)
Die Autorin
Louisa Dellert (geboren 1989) ist Content-Creatorin und Moderatorin. Ihre enorme Reichweite auf Social Media nutzt sie, um gegen toxische Schönheitsideale laut zu werden sowie Mut für mentale Gesundheit und ein gesundes Körperbild zu machen. Inzwischen hat sie sich mit dem gemütlichen Buchcafé SISU LOU in Braunschweig einen absoluten Lesetraum erfüllt.

Inhalt
Der Blick in den Spiegel verleitet viele Menschen zu strenger Selbstkritik – eine Erfahrung, die Louisa Dellert aus ihrer Zeit als Fitnessinfluencerin nur zu gut kennt. In ihrem Buch deckt sie die Mechanismen der Schönheitsindustrie und des Patriarchats auf, die systematisch mit den Verunsicherungen von Frauen Geld verdienen. Schonungslos ehrlich und zugleich einfühlsam zeigt sie, wie wir den Teufelskreis aus Vergleichen und Schönheitsnormen durchbrechen können. Es ist eine persönliche aber auch aufklärerische Einladung, Frieden mit sich selbst zu schließen und den eigenen Körper wieder als ein Zuhause zu begreifen.
Gedanken zum Ratgeber
Das Äußere des Buches setzt sofort ein klares, kompromissloses Zeichen: Ein ehrlicher Blick auf einen weiblichen Körper, der genau so gezeigt wird, wie er ist. Denn sobald wir uns hinsetzen, entstehen ganz natürlich Bauchfalten – und Haut ist nun mal eine lebendige Hülle mit Textur, Poren und Struktur, keine perfekt weichgezeichnete Leinwand. Das Motiv ist der Ausschnitt eines Fotos, das Louisa Dellert bereits auf Social Media veröffentlich hat. Unverstellt und ohne schützende Hülle hält sie der Scheinwelt aus Filter und Photoshop damit ein reales Bild entgegen.
Ein kraftvolles visuelles Statement, das von Worten gerahmt wird: Oben ihr Name, unten der Titel UNSHAME – ein dringendes Plädoyer, die unnütze Scham über all diese völlig natürlichen Alltäglichkeiten endlich abzulegen.
„[…] dass da am Tisch gerade fünf großartige Frauen Mitte dreißig sitzen, die alle so viele Fähigkeiten, Gedanken und Träume haben, und trotzdem definieren sie sich stark über ihr Aussehen und tun alles dafür, um bloß nicht ihre Schönheit zu verlieren.“ (Louisa Dellert: Unshame. Seite 236)
Die Reise beginnt mit einer spannenden Einführung in das Frauenbild über die Zeit und zeigt auf, wie unterschiedlich Schönheit in den verschiedenen Regionen der Welt verstanden wurde und wird. Von da an arbeitet sich das Buch durch die drängendsten Themen unserer Zeit.
Inhaltlich spannt die Autorin einen weiten Bogen von individuellen Verhaltensmustern bis hin zu tief sitzenden gesellschaftlichen Strukturen. Es beleuchtet eindringlich das sogenannte Pretty Privilege und den Halo-Effekt – also das Phänomen, dass attraktiv wahrgenommenen Menschen unbewusst auch Eigenschaften wie Kompetenz oder Freundlichkeit zugeschrieben werden. Louisa Dellert belässt es jedoch nicht bei der reinen Analyse, wie Attraktivität Türen öffnet, sondern gibt konkrete Tipps an die Hand, um diesen unbewussten Halo-Effekt bei sich selbst auszuhebeln und sich für die eigenen Vorurteile zu sensibilisieren.
„Die Brust einer Frau darf nie einfach nur eine Brust sein. Sie wird fetischisiert. Sie wird sexualisiert. Sie ist Lustobjekt. Sie soll dem Ideal entsprechen, an dem wir und alle messen: rund, straff und faltenfrei sein. Nicht hängen. Und trotzdem stets bei Bedarf für die Blicke der Männer herhalten. Sobald allerdings Frauen selbst darüber entscheiden, wie und wann sie ihre Brüste zeigen, sind sie billig und willig.“ (Louisa Dellert: Unshame. Seite 208)
Ebenso scharf blickt die Autorin auf den allgegenwärtigen Diätenkult und den Trend zu Beautyeingriffen, der sich von drastischen Mommy Makeovern bis hin zum immensen gesellschaftlichen Druck erstreckt, der rund um das weibliche Altern aufgebaut wird.
Dahinter werden die eigentlichen Machtstrukturen und Mechanismen der Verunsicherung sichtbar: Bodyshaming, White Privilege, die angefeuerte Rivalität unter Frauen und die perfekt inszenierten Fakes auf Social Media. Sie alle nutzen unsere eigene Scham gezielt aus, um daraus einen ständigen Kaufanreiz für Kosmetik- und Optimierungsprodukte zu schaffen.
Was dieses Buch so besonders macht, ist die Sprache. Es liest sich nicht wie eine trockene akademische Abhandlung, sondern wie ein intensives, ehrliches Gespräch unter guten Freundinnen.
„Trainiere deinen Blick umzulenken, indem du versuchst, nicht mehr darauf zu achten, wie jemand aussieht, sondern was die Person zu sagen hat oder gesellschaftlich bewegt.“ (Louisa Dellert: Unshame. Seite 94)
Besonders wertvoll: Am Ende der einzelnen Abschnitte gibt es direkte Anleitungen und Reflexionsfragen. Sie helfen dabei, das Gelesene sofort im eigenen Alltag anzuwenden, die eigenen Denkmuster zu hinterfragen und das eigene Verhalten gegenüber sich selbst und anderen Schritt für Schritt zu verändern.
Im Anhang finden sich zudem eine wunderbare Zusammenstellung von Menschen, die inspirieren, linierte Seiten für eigene, ganz persönlichen Gedanken sowie ein umfangreiches Quellenverzeichnis für alle, die noch tiefergründiger recherchieren möchten.
Mein Fazit
Unshame ist ein kraftvolles Plädoyer für Körpervielfalt und Akzeptanz. Es ist eine absolute Leseempfehlung für wirklich alle, die selbst immer wieder mit ihrem Körper struggeln – aber genauso für jene, die schlichtweg besser verstehen wollen, welchen täglichen Hürden und Erwartungen vor allem Frauen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind. Es ist eine tiefgründige und gleichzeitig extrem nahbare Bestandsaufnahme darüber, was es bedeutet, als weiblich gelesene Person durch eine Welt zu gehen, die unsere Körper pausenlos bewertet. Ein Buch, das aufklärt, tröstet und uns ein großes Stück Freiheit zurückgibt.
Louisa Dellert
Unshame
304 Seiten
Klappenbroschur
ISBN 978-3-7934-0095-0
*Vielen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.*
